Die Wahl eines Ausbildungsberufs ist für viele junge Menschen nicht einfach. In Deutschland gibt es mehr als 300 anerkannte Ausbildungsberufe – und oft sind nur wenige davon bekannt.

Gerade junge Menschen mit Migrationsgeschichte stehen dabei manchmal vor zusätzlichen Fragen: Wie funktioniert das deutsche Ausbildungssystem? Welche Berufe gibt es überhaupt? Welche Möglichkeiten passen zum Schulabschluss? Welche sprachlichen Anforderungen gibt es? Und wie kann die Familie unterstützen?

Als Eltern, Lehrkräfte, Sozialarbeiter:innen, Ehrenamtliche oder andere Bezugspersonen können Sie eine wichtige Orientierung geben. Dabei geht es nicht darum, die Entscheidung für den jungen Menschen zu treffen, sondern ihn oder sie dabei zu unterstützen, eigene Interessen, Stärken und Möglichkeiten zu entdecken.

🔍 1. Stärken und Interessen gemeinsam entdecken

Am Anfang muss noch kein konkreter Beruf feststehen. Hilfreicher ist es, zunächst gemeinsam herauszufinden:

  • Was macht der junge Mensch gern?
  • Welche Tätigkeiten fallen ihm oder ihr leicht?
  • Welche Schulfächer interessieren besonders?
  • Arbeitet er oder sie lieber praktisch oder theoretisch?
  • Lieber mit Menschen, Technik, Zahlen, Tieren oder Materialien?
  • Ist Teamarbeit wichtig oder eher selbstständiges Arbeiten?
  • Welche Vorstellungen gibt es vom späteren Arbeitsalltag?
  • Gibt es Tätigkeiten, die ausdrücklich nicht infrage kommen?

Versuchen Sie dabei, offene Fragen zu stellen, statt bereits einen Beruf vorzuschlagen. Zum Beispiel:

„Welche Aufgaben machen dir so viel Spaß, dass du dabei die Zeit vergisst?“

oder:

„Was wäre dir bei einem späteren Arbeitsplatz besonders wichtig?“

Berufsorientierung funktioniert meist besser, wenn junge Menschen ihre eigenen Vorstellungen entwickeln dürfen und nicht das Gefühl haben, eine bereits feststehende Erwartung erfüllen zu müssen. Auch die Bundesagentur empfiehlt, Orientierung anzubieten, ohne Druck auszuüben.

Tipp: Ein Berufsorientierungstest kann als Gesprächseinstieg helfen.

📚 2. Den Blick auf verschiedene Berufe erweitern

Viele Jugendliche kennen vor allem Berufe aus ihrem persönlichen Umfeld: aus der Familie, der Schule oder dem Freundeskreis. Dadurch bleiben viele Möglichkeiten unentdeckt. Gerade bei Familien, die das deutsche Ausbildungssystem noch nicht lange kennen, kann es sinnvoll sein, gemeinsam auch weniger bekannte Ausbildungsberufe anzuschauen. Fragen Sie nicht nur:

„Welcher Beruf gefällt dir?“

sondern auch:

  • Was macht man in diesem Beruf tatsächlich?
  • Wo arbeitet man?
  • Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?
  • Welche Fähigkeiten sind wichtig?
  • Welche Schulabschlüsse erwarten Betriebe häufig?
  • Wie lange dauert die Ausbildung?
  • Welche Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es danach?

Auf „Berufe entdecken“ finden Sie seriöse Portale, Videos und Datenbanken, mit denen Sie gemeinsam unterschiedliche Ausbildungsberufe kennenlernen können.

🧭 3. Unterschiedliche Vorstellungen besprechen

In manchen Familien wird ein Hochschulstudium traditionell stärker angesehen als eine berufliche Ausbildung.

In Deutschland ist eine duale Ausbildung jedoch ein etablierter Bildungsweg, der viele Möglichkeiten eröffnet: vom direkten Berufseinstieg über Fortbildungen bis hin zu Meisterabschlüssen, Selbstständigkeit oder einem späteren Studium. Deshalb lohnt es sich, offen miteinander zu sprechen:

  • Welche Erwartungen hat die Familie?
  • Was möchte der junge Mensch selbst?
  • Welche Stärken bringt er oder sie mit?
  • Welche beruflichen Wege gibt es nach einer Ausbildung?
  • Ist vielleicht eine Ausbildung geeigneter als ein Studium – oder umgekehrt?

Wichtig ist, dass die Entscheidung nicht allein vom gesellschaftlichen Ansehen eines Berufs abhängt.

🗣️ 4. Sprachkenntnisse realistisch einschätzen

Für Jugendliche mit Migrationsgeschichte spielt Deutsch bei der Berufswahl häufig eine besondere Rolle.

Sprachkenntnisse sind wichtig – vor allem für die Berufsschule und die Kommunikation im Betrieb. Trotzdem sollte ein interessanter Beruf nicht vorschnell ausgeschlossen werden, nur weil das Deutsche noch nicht perfekt ist. Überlegen Sie gemeinsam:

  • Welche sprachlichen Anforderungen stellt der Beruf?
  • Welche Fachbegriffe müssen gelernt werden?
  • Gibt es sprachliche Unterstützung?
  • Kann ein Berufssprachkurs helfen?
  • Gibt es Unterstützung über die Assistierte Ausbildung?
  • Welche Fortschritte sind bis zum Ausbildungsbeginn realistisch?

🧪 5. Berufe praktisch ausprobieren

Beschreibungen und Videos helfen – aber einen Beruf wirklich kennenzulernen gelingt oft erst in der Praxis.

Praktika können zeigen:

  • Welche Tätigkeiten machen Spaß?
  • Wie fühlt sich ein echter Arbeitstag an?
  • Passt das Arbeitsumfeld?
  • Wie funktioniert die Zusammenarbeit im Betrieb?
  • Welche Anforderungen waren vorher vielleicht gar nicht bekannt?

Möglichkeiten sind zum Beispiel:

  • Schulpraktika,
  • freiwillige Ferienpraktika,
  • Betriebserkundungen,
  • Ausbildungsmessen,
  • Tage der offenen Tür,
  • Girls’Day und Boys’Day.

Ein Praktikum ist übrigens auch dann erfolgreich, wenn der junge Mensch danach feststellt: „Dieser Beruf ist doch nichts für mich.“

Auch Ausschließen ist Berufsorientierung.

 💬 6. Professionelle Beratung nutzen

Sie müssen als Bezugsperson nicht alle Antworten selbst kennen. Gerade wenn Fragen zu Schulabschlüssen, Ausbildungsmöglichkeiten, Bewerbungen oder Förderangeboten entstehen, lohnt sich professionelle Beratung.

Hilfreich können unter anderem sein:

  • Berufsberatung der Agentur für Arbeit,
  • Berufsinformationszentrum,
  • IHK und Handwerkskammer,
  • Berufsschulen,
  • Jobcenter,
  • Migrationsberatungsstellen,
  • regionale Beratungsprojekte.

👩‍🔧 7. Geschlechterrollen nicht zur Grenze werden lassen

Noch immer werden manche Berufe als „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ wahrgenommen. Versuchen Sie, den jungen Menschen darin zu bestärken, Berufe nach Interessen und Fähigkeiten auszuwählen – nicht nach Geschlechterklischees. Eine Jugendliche, die sich für Technik interessiert, sollte genauso ermutigt werden wie ein Junge, der einen sozialen oder pflegerischen Beruf spannend findet.

Angebote wie Girls’Day und Boys’Day können dabei helfen, neue Berufsfelder kennenzulernen.

Checkliste für Ihr nächstes Gespräch mit dem Schützling

  • 1

    Welche drei Dinge macht der junge Mensch besonders gern?

  • 2

    Welche Stärken sieht er oder sie selbst?

  • 3

    Welche Stärken sehen Sie?

  • 4

    Welche Berufe sind bereits bekannt?

  • 5

    Welche drei neuen Berufe könnten interessant sein?

  • 6

    Wurde schon ein Berufsorientierungstest ausprobiert?

  • 7

    Gibt es bereits praktische Erfahrungen oder ein Praktikum?

  • 8

    Wurde eine Berufsberatung genutzt?

  • 9

    Gibt es sprachliche, finanzielle oder aufenthaltsrechtliche Fragen?

  • 10

    Was ist der nächste konkrete Schritt?

Eine weibliche Azubi am Arbeitsplatz lötet ein elektronisches Gerät